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Das Bio-Siegel: Was steckt dahinter?

Das Bio-Siegel prangt seit vielen Jahren auf unseren Lebensmittel-Verpackungen. Es verspricht Qualität ohne chemische Rückstände durch Pestizide in pflanzlichen bzw. keine Antibiotikaspuren in Fleisch-Produkten. Gleichzeitig tun wir mit dem Siegel etwas für die Umwelt. Was dahinter steckt, zeigen wir euch am Beispiel eines Fleischproduzenten, der auf Bio-Dönerfleisch umsteigt.

Aber was ist das Bio-Siegel überhaupt? Naja, zunächst einmal ist es eine Marke. Der Markeninhaber ist die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung und die Nutzung des Bio-Siegels ist für zertifizierte Betriebe und Lebensmittelhersteller kostenlos, vorausgesetzt es sind alle Vorgaben eines Bio-Betriebs erfüllt. Was das genau bedeutet, auch das zeigen wir euch am Beispiel des Fleischherstellers.

Wer darf das Bio-Siegel auf seine Verpackungen kleben?

Alle Unternehmen, Hersteller und Betriebe, die bio-zertifiziert sind, dürfen die gesetzlich geschützten Bezeichnungen bio, öko, biologisch und ökologisch auf ihre Verpackungen drucken. “Bio-zertifiziert” heißt, dass die Produktion, die Lieferanten und die Produkte selbst mit den geltenden Vorgaben der EU-Öko-Verordnung im Einklang stehen.

Sind die Vorgaben erfüllt, dann müssen die Produkte, wenn sie in der EU verpackt worden sind, seit Juli 2012 mit dem grünen EU-Bio-Siegel gekennzeichnet sein.

Doch was genau verbirgt sich hinter dem Bio-Siegel im Vergleich zu anderen Lebensmittel-Kennzeichnungen? Das Ganze ist komplex, deshalb richten wir unseren Blick in diesem Beitrag gezielt auf ein tierisches Produkt, das als Biolebensmittel vermarktet werden soll und zeigen euch, was die Umstellung auf dieses Bio-Produkt für einen verarbeitenden Betrieb konkret bedeutet.

Was unterscheidet das Bio-Siegel von anderen Labels?

Ihr kennt bestimmt die vierstufigen Haltungsformklassen von Fleischprodukten und habt womöglich in den Nachrichten gelesen, dass nach Plänen des Landwirtschaftsministers zukünftig eine amtliche Tierhaltungskennzeichnung hinzukommen soll.

Aber haben die vier Haltungsformstufen überhaupt etwas mit dem Bio-Siegel zu tun? Kurze Antwort: “Jein”, zumindest nicht die Stufen eins bis drei. Doch schauen wir uns dieses Label einmal genauer an:

  • Haltungsstufe 1: „Stallhaltung“: Die gesetzlichen Mindestanforderungen sind erfüllt, bei Rindern sind das je nach Gewicht zwischen 1,4 – 2,2 qm pro Tier. Das ist nicht viel.
  • Haltungsstufe 2: „Stallhaltung plus“: So wird Ware gekennzeichnet, die aus einer Haltung mit höheren Tierwohlstandards wie etwa mindestens 10 % mehr Platz im Stall und zusätzlichem Beschäftigungsmaterial stammt.
  • Haltungsstufe 3: Das sogenannte „Außenklima“ fordert für die Tiere unter anderem noch mehr Platz und sogar Frischluft-Kontakt. Das klingt schon besser.
  • Haltungsstufe 4: trägt den Namen „Premium“ Die Tiere haben im Vergleich zur dritten Stufe noch mehr Platz und müssen zwingend Auslaufmöglichkeiten haben. Biofleisch wird in diese Stufe eingeordnet. Bingo, hier dürfte auch das Bio-Siegel draufstehen.

Quelle: https://www.haltungsform.de/kriterien-und-mindestanforderungen/

Die vier Kennzeichnungen des Handels zeigen, wieviel Platz den Tieren bei der Mast zur Verfügung steht. Ein erster guter Schritt, aber ich finde die Angaben noch recht vage, denn das Label macht keine Vorgaben zur Gesundheit, zum Transport und zur Schlachtung der Tiere. Und die Prüfung der Betriebe erfolgt über neutrale Zertifizierungsstellen.

Quelle: www.haltungsform.de, Gesellschaft zur Förderung des Tierwohls in der Nutztierhaltung mbH

Ein amtliches Label, mit dem ich gleichzeitig Tierwohl, die Umwelt und meine Gesundheit unterstützen kann, gibt es aktuell nicht. Das Bio-Siegel in Verbindung mit einer amtlichen Pflicht zur Tierhaltungskennzeichnung wäre deshalb der nächste Schritt in Richtung Transparenz.

Bio-Siegel: „Gewinne, Gewinne, Gewinne.“

Es ist gar nicht so einfach, bis ein Betrieb das Bio-Siegel nutzen darf. Trotzdem sind viele Hersteller diesen Schritt gegangen, weil die Nachfrage da ist. Aber wie sieht die Umstellung auf Bio konkret aus? Ich bringe am Beispiel einer fiktiven Fleischfabrik Licht ins Dunkel. Cem, 36, spielt hier eine wichtige Rolle. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig.

Cem ist Produktionsleiter einer kleinen Fleischfabrik in Herne und hat mit sinkenden Umsätzen zu kämpfen. Neuerdings bekommt er fast täglich Angebote von Bio-Bauern, die bislang konventionell waren und jetzt biozertifiziert sind. Und auch der Handel klopft regelmäßig an und fragt, ob sein Betrieb auf Bio umsteigen will.

Es wird Zeit zu handeln, denkt sich Cem. Deshalb hat er die Anfragen der Biobauern und die Angebote des Handels in die Hand genommen und vor einiger Zeit an seine Finanzabteilung zur Kalkulation weitergegeben.

Seit Monaten wartet er auf eine Rückmeldung. Dann endlich die E-Mail des leitenden Finanzchefs: “Bei den marktüblichen Aufpreisen für Bio-Produkte ist bei den aktuellen Betriebskosten viel Geld mit diesem neuen Produkt zu verdienen,” heißt es darin.

Bingo, das sind gute Nachrichten. Cem sieht schon einen fetten Jahresbonus vor seinem geistigen Auge, vor allem aber einen neuen Markt für seine Produkte. Hierfür will er ab dem zweiten Geschäftsquartal neben konventionellen Produkten auch das Dönerfleisch mit dem Bio-Siegel verkaufen. Doch dafür muss er zunächst eine ganze Reihe von Hürden nehmen.

Wie Cem seinen Betrieb auf Bio umgestellt hat

Bio-Dönerfleisch im ganz großen Stil von einem fairen Öko-Betrieb, das ist Cems erklärtes Ziel. Dafür will er zukünftig Lammfleisch in Bioqualität einkaufen. Doch das ist längst nicht alles. Cem muss auch neue Rezepturen entwickeln, denn die für Bio-Produkte erlaubten Zutaten und Zusatzstoffe sind gemäß der geltenden EU-Öko-Verordnung haarklein vorgeschrieben.

Doch was ist eigentlich die EU-Öko-Verordnung?

Die EU-Öko-Verordnung ist das Grundgesetz der Ökologischen Lebensmittelwirtschaft. Seit 1991 legt das Bio-Recht fest, wie Bio-Lebensmittel produziert, kontrolliert nach Europa importiert und gekennzeichnet werden. Die Verordnung wurde seitdem bereits zwei Mal überarbeitet. Deshalb müssen Bio-BäuerInnen, Lebensmittelhersteller und HändlerInnen sowie Importeure eine komplett neue Verordnung seit Beginn 2022 beachten.

Aber zurück zu Cem. Nachdem er für die neue Produktlinie “Dönerglück” grünes Licht bekommen hat, setzt er sich mit lokalen Bio-Landwirten in Verbindung und arbeitet mit ihnen Abnahmeverträge aus, mit denen alle glücklich sind. “Alles langjährige Verträge und ein ziemliches Risiko”, denkt sich Cem, nachdem die Tinte trocken ist. Aber er sieht auch großes Potential.

Cem klopft Überstunden fürs Tierwohl

Die neuen Abnahmeverträge pinseln Cems Tierwohl-Gewissen. Denn durch diese Partnerschaften hat er die Garantie, dass die Tiere die Mast artgerecht, in der Regel ohne Antibiotika und vor allem ohne Wachstumshormone durchlaufen haben. “Das ist auch für unsere Corporate Responsibility (CR) eine gute Sache”, versichert Cem der Geschäftsführung.

Im nächsten Schritt entwickelt sein Team eine Rezeptur für das Bio-Dönerfleisch. Es dürfen nämlich nur Gewürze und Zutaten in Bioqualität verarbeitet werden. Er nimmt dafür direkten Kontakt mit zertifizierten Rohstofflieferanten und Gewürzhändlern auf. Der Grund: Für die Bio-Zertifizierung sind Zwischenhändler in der Wertschöpfungskette nicht erlaubt.

Zuletzt ruft Cem noch den Schlachthof an, der bisher sein Fleisch zerlegt hat und fragt nach, ob der Betrieb biozertifiziert ist. “Leider nein”, rauscht es vom anderen Ende der Leitung. Höchste Zeit, einen neuen Player ins Spiel zu bringen, ohne den es das Bio-Siegel gar nicht gäbe. Und dieser Player trägt den klangvollen Namen: Öko-Kontrollstelle. Klingt nicht so sexy wie “Dönerglück”, aber egal.

Welche Rolle Öko-Kontrollstellen für das Bio-Siegel spielen

Cems Bio-Dönerfleisch darf das Öko-Siegel nur dann tragen, wenn sowohl die Bauern (Erzeuger) als auch die weiterverarbeitenden Betriebe (Schlachthof und Lebensmittelhersteller) die Kriterien der EU-Öko-Verordnung erfüllen. Entlang dieser Wertschöpfungskette müssen alle Betriebe biozertifiziert sein.

Dafür ist ein Kontrollverfahren notwendig, das sicherstellt, dass bei der Schlachtung bzw. Verarbeitung Bio-Tiere und konventionelle Tiere und Waren sauber voneinander getrennt sind. Da Cems Schlachthof, mit dem die Fleischfabrik seit Jahren gut zusammenarbeitet, nicht bio-zertifiziert ist, muss dieser in das Kontrollverfahren mit einbezogen werden.

Etikett mit Bio-Siegel zertifiziert nach der EG-Öko-Verordnung
Seit Juli 2012 müssen in der EU verpackte Bio-Lebensmittel mit dem EU-Bio-Logo gekennzeichnet werden. Bildquelle: Eigenes Foto

Die dafür erforderlichen Vor-Ort-Kontrollen führen nationale durch das BLE zugelassene Öko-Kontrollstellen durch. Laut einer Liste vom Juni 2022 gibt es in Deutschland derzeit 19 dieser Kontrollstellen. Sinn und Zweck der (in Deutschland) privaten Unternehmen ist die Einhaltung der Kriterien der EU-Öko-Verordnung, sowohl in Betrieben als auch im Handel.

Cem schließt mit einer Kontrollstelle einen Kontrollvertrag ab und teilt gleich mit, dass auch sein Schlachthof das Verfahren durchlaufen muss. Außerdem müssen er und der Schlachthof die Schichtpläne der Mitarbeiter ändern und die Maschinenbelegungen anpassen, um Schlachtung und Verarbeitung des Bio-Dönerfleischs zeitlich und räumlich von der konventionellen Produktion zu trennen. Auch das ist eine der vielen Vorgaben.

Bio-Siegel-Zertifizierung: Show-Down in der Fleischfabrik

Der Tag der Zertifizierung naht. Cem hat seine Hausaufgaben gemacht und die Checkliste der EU-Öko-Verordnung Punkt für Punkt abgearbeitet. Morgen kommen die Mitarbeiter der Öko-Kontrollstelle und werden die Anlagen für sein Bio-Dönerfleisch prüfen. Dafür hat Cem alles penibel vorbereitet, was für die Erstkontrolle benötigt wird.

Nach einer schlaflosen Nacht für Cem ist es endlich so weit. Um 6:30 Uhr fährt am nächsten Morgen ein schwarzer, schwerer SUV durch den Wareneingang vor die Produktionshalle und parkt unbeabsichtigt auf Cems Parkplatz. Drei Mitarbeiter der Öko-Kontrollstelle steigen aus und werden von der Geschäftsführung freundlich empfangen.

Cem tritt mit einem Dokumentkasten dazu. Während der Vorbereitung für die Zertifizierung hat er alle Unterlagen zusammengetragen, die erforderlich sind, damit die Bio-Produktion zum geplanten Zeitpunkt starten kann. Da ist schön was zusammengekommen:

  • Dokumente
  • Organigramm
  • Gesamt-Artikel-Liste
  • Rezeptur des Bio-Dönerfleischs
  • Lieferanten-Liste
  • Kundenlisten
  • Etiketten
  • Belegentwürfe über Wareneingang

“Wenn Sie wollen, sende ich ihnen zusätzlich alles in digitaler Form zu.”, bietet Cem den KontrolleurInnen an. Eine Frau mit einem durchdringenden Blick und Business-Outfit tritt vor und grinst: “Wäre prima, der Kollege neben mir macht bei uns die Berichte und ist froh, wenn er auf seinem Bürotisch Platz hat, um seine Kaffee-Tasse abzustellen.”

Alle lachen. Was für ein Ice-Breaker. Danach führt Cem die KontrolleurInnen durch die Anlage. Die machen bei der Begehung sporadisch ein paar Notizen, damit im Nachgang eine Betriebsbeschreibung und der Kontrollbericht erstellt werden kann. Nach zwei Stunden war alles vorbei und die Kontrolleure auf dem Weg zu ihrem nächsten Termin.

Fazit

Nachdem das Geschäft mit Bio-Lebensmitteln während der Corona-Pandemie in Deutschland zunächst stark gestiegen war, ist der deutsche Öko-Markt im Jahr 2022 erstmals geschrumpft. Aber die Nachfrage ist immer noch höher als vor der Pandemie. Das zeigt, dass die Verbraucher dem Bio-Siegel weiterhin ihr Vertrauen schenken.

Die Umstellung von Lebensmittel-Betrieben auf Bio ist wie bei Cems Fleischfabrik nicht über Nacht zu machen und erfordert die Einhaltung zahlreicher Kriterien, die für die gesamte Lieferkette pflanzlicher und tierischer Lebens- und Futtermittel aus ökologischer Landwirtschaft und Lebensmittelherstellung verpflichtend sind.

Sind alle Kriterien erfüllt, dann müssen die Lebensmittel, wenn sie in der EU verpackt worden sind, seit Juli 2012 mit dem EU-Bio-Siegel gekennzeichnet sein. Das deutsche Bio-Siegel steht meistens zusätzlich neben dem europäischen Siegel. Über dem EU-Bio-Siegel, ein grünes Blatt mit zwölf Sternen, steht häufig der Code der Öko-Kontrollstelle, die die Einhaltung der Kriterien überprüft hat.

Ausblick

Ein amtliches Label, mit dem gleichzeitig Tierwohl und Bio-Qualität gewährleistet ist, gibt es aktuell in Deutschland nicht. Das Bio-Siegel in Verbindung mit einer amtlichen Tierhaltungskennzeichnungs-Pflicht wäre hier ein weiterer wichtiger Schritt in Richtung Transparenz.

Die Eckpunkte eines im Zusammenhang mit der Tierhaltungskennzeichnungs-Pflicht stehenden Förderprogramms für eine bessere Tierhaltung legte das Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung im Dezember 2022 vor. Die Förderrichtlinien werden voraussichtlich im Herbst 2023 veröffentlicht. Das finden Jojo und ich richtig gut.

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Foto von Jörg, Autor von Jojo Kohlsprosse

Seit Jörg feste Nahrung essen kann schiebt er am liebsten frisches Gemüse in sich rein und hat dabei jede Menge über gesunde Ernährung gelernt. Lerne mehr über Jörg und wie er zum Experten für New Food und Nachhaltigkeit wurde.

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