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Vegane Weißwurst auf der Wiesn: Kohlsprosse dreht auf

Traditionelle Fleischspezialitäten wie Haxn und Schwammerlgulasch treten auf dem Oktoberfest dieses Jahr zum ersten Mal gegen pflanzliche Konkurrenz wie die vegane Weißwurst an. Die Münchner Wiesnwirte, Gastronomen und Starköche meinen es ernst. Doch wie reagieren die Besucher auf das neue Angebot?

Jörg und Jojo Kohlsprosse sind für euch zur Wiesn nach München gefahren. Und an der veganen Weißwurst kamen die beiden einfach nicht vorbei. Doch eigentlich standen andere Dinge auf ihrer Liste. Vor allem die zahlreichen Fahrgeschäfte und Festzelte.

Alles verlief zunächst nach Plan, bis Jojo und Jörg auf dem Festgelände vor einem Schild mit einer kichernden Weißwurst standen. Dann eskalierte die Situation, weil Jojo Kohlsprosse plötzlich Kohldampf hatte. Wir steigen etwa eine Stunde vor dieser brenzligen Situation mit unserer Story ein und befinden uns an einem der Eingänge auf der Theresienwiese.

Nach der Olympia-Bahn: Weißwurst vor dem Mittagsläuten

Bereits vor Sonnenaufgang trafen Jörg und ich am Festgelände ein, um lange Warteschlangen zu vermeiden. Jörg hatte mich unter seinem Hut versteckt und zwei Löcher hineingebohrt, damit ich frische Luft bekomme und keine Massenpanik auslöse. Denn Stress mit der Security wollten wir auf jeden Fall vermeiden.

Die Löcher im Hut waren groß genug, um mir einen Überblick über die Umgebung zu verschaffen. Außerdem konnte ich dadurch Jörg Anweisungen geben, wohin wir gehen, ohne aufzufallen.

“Sobald wir auf dem Gelände sind, schnall mich bitte sofort an deinen Rucksack. Hier drinnen halte ich es keine weiteren fünf Minuten aus”, moserte ich in sein linkes Ohr.

Gesagt, getan. Nachdem wir die Security passierten, befestigte mich Jörg unbemerkt mit einem Zugband an seiner Rucksack-Außentasche. Er tat das mit einer Ruhe, als sei es das Normalste auf der Welt, eine sprechende Kohlsprosse an seiner Tasche zu fixieren.

„Okay, Kohlsprosse, genieß die neue Aussicht, ich hoffe keiner schöpft Verdacht. Vermutlich halten die Besucher dich für ein Spielzeug und mich für einen Spinner. Das müsste funktionieren.“

Naja, das mit dem Spinner stimmt, dachte ich mir aber ein… SPIELZEUG?! Ich glaub’ es hackt! Nichtsdestotrotz hat Jörg Recht, wir sollten nicht unnötig auffallen. Und los gings aufs Gelände, mit einem etwas mulmigen Gefühl.

Rutschen auf dem Toboggan

Als erstes liefen wir zum Fahrgeschäft “Toboggan” der Familie Konrad. Besser gesagt: Jörg lief und ich war seine Rucksack-Deko. Unser Plan funktionierte offensichtlich ganz hervorragend: Der Spinner und sein Spielzeug erobern die Wiesn.

Der “Toboggan” ist eines der ältesten Fahrgeschäfte auf dem Festgelände. Die Großeltern des heutigen Besitzers Claus Rudolf Konrad haben diese Turmrutsche im Jahr 1920 gekauft und aus Nordamerika mitgebracht. Seitdem ist die Attraktion fester Bestandteil bei jedem Oktoberfest.

Wir gehörten an diesem sonnigen Samstagmorgen zu den ersten Besuchern und rutschten auf den Matten gleich zweimal den Holzturm herunter. Was für ein Gaudi! Vergessen waren für einen Moment alle Dinge, die schlechte Laune machen.

Olympia-Bahn auf dem Oktoberfest
Die Olympia-Bahn ist eine der meistbesuchten Fahrgeschäfte auf dem Oktoberfest. Ihre fünf Überschläge sind für eine mobile Achterbahn rekordverdächtig. (Bildquelle: Alexa / Pixabay)

Als nächstes steuerten wir die Olympia-Bahn an – ein völlig anderes Kaliber und ein Wunder der Statik. Sie ist eine der wenigen mobilen Achterbahnen in Deutschland, die stolze fünf Überschläge macht. In den Kurven erreichen die Waggons eine Geschwindigkeit von 70 km/h. Der Zeitpunkt für die Fahrt ist besser vor dem Essen. Doch bis es so weit war, vergingen erst einmal 40 Minuten in der Warteschlange.

Endlich ging es los. Die Fahrt dauerte genau zwei Minuten und unser Adrenalinschub wurde von einem unerwartet starken Schwindelgefühl abgelöst. Ziellos torkelte Jörg mit mir vom Gerüst der Olympia-Bahn runter und plötzlich fanden wir uns mit unserem Schwindelgefühl an einem unbekannten, ungewöhnlich ruhigen Ort wieder. Kein Mensch weit und breit. Doch vor uns erschien wie aus dem Nichts ein Zelt, über dessen Eingang ein Schild mit einer kichernden Weißwurst hing.

Vegan oder traditionell: Der große Weißwurst-Geschmackstest

Mein Brokkoli-Puls raste. Sollte es tatsächlich noch andere sprechende Lebensmittel geben? Vorsichtig gingen wir ins Zelt. Was ungewöhnlich war: Von außen fiel auffällig wenig Licht in den Innenraum. Aber unsere Augen gewöhnten sich schnell an die Dunkelheit und wir erblickten eine kleine, beleuchtete Verkaufsbühne im hinteren Teil des Zeltes.

Neben der leeren Bühne stand eine große Frau im Dirndl, umringt von zwei riesigen Töpfen, aus denen sie eine Weißwurst herausfischte und uns mit einem “Willkommen, zum großen Weißwurst-Test” begrüßte. Wir schauten instinktiv nach einer versteckten Kamera, aber da war nichts. ”Geh’ schon”, flüsterte Jojo.

Die Dirndl-Frau stellte sich kurz vor und erzählte stolz, dass die veganen Weißwürste ihres Arbeitgebers auf dem diesjährigen Oktoberfest ihre Premiere feiern und dem Original in nichts nachstehen. Es folgte ein routinierter Verkaufsmonolog.

“Die Wurst sei auf Basis des Proteins der Königserbse hergestellt. Durch den Zusatz von Trinkwasser, Petersilie und Gewürzen bietet sie das gleiche Geschmackserlebnis wie eine traditionelle Weißwurst und ist dazu noch nachhaltig. Blablabla.”

Das ging noch 5 Minuten so, bis die Frau endlich zum Punkt kam.

Die Stimme aus dem Off

“Machen Sie mit, bei unserem großen Weißwurst-Geschmacks-Test. Es ist ganz einfach. In einem Topf sind die veganen, im anderen die traditionellen Weißwürste. Finden Sie heraus, welche Wurst vegan und welche mit Fleisch ist,” wirft sie Jörg mit einem herausfordernden Grinsen zu.

“Klar, warum nicht?”

??? (…)

??? (…)

Ich sagte: “ K-L-A-R, W-A-R-U-M  N-I-C-H-T ?

Die Frau runzelte die Stirn und dreht ihren Kopf leicht zur Seite. Jörg zuckte und blickte sich im völlig menschenleeren Zelt um. Sie merkte sofort, dass er kein Bauchredner ist und hier etwas nicht stimmt. Ich hatte tatsächlich meine Tarnung für eine kichernde Weißwurst als potenzieller Testesser aufgegeben und konnte es in diesem Moment selbst nicht fassen.

Zeichnung von Jojo Kohlsprosse
Für eine Weißwurst gibt Jojo Kohlsprosse seine Tarnung auf. (Bildquelle: Jörg Ambro)

Jörg versuchte die Situation in den Griff zu bekommen. “Sie müssen jetzt die Ruhe bewahren”, redete er auf sie ein. “Das, was sie jetzt sehen und hören ist nie passiert, okay?”

Enttarnt für eine Weißwurst

Er band mich vom Rucksack los und stellte mich – zum ersten Mal seit meiner Flucht aus dem Versuchslabor – einer unbekannten Person vor. Mit der Geste eines Zirkusdirektors schwenkt Jörg auf mich zu, als ob ich gleich ein Kunststück vorführe.

“Tadaa, das ist Jojo Kohlsprosse!”, tönt es aus ihm, begleitet von einem nervösen Grinsen.

Dann wird er wieder ernst und erzählt unsere Geschichte. Die, wie er mich gefunden hat und warum ich sprechen kann. Dabei versichert er der Frau gleich mehrmals, dass ich völlig ungefährlich bin. Es funktionierte. Sie beruhigte sich und ließ sich auf eine der leeren Sitzbänke fallen, die eigentlich für die Weißwurst-Tester vorgesehen sind.

“Ich wollte Sie nicht erschrecken, wirklich!” entschuldigte ich mich, “Aber können wir nun endlich mit dem Weißwurst-Test beginnen, ich habe einen ungeheuren Kohldampf.”

Etwas überrascht schaut sie mich an, richtet sich auf und erlangt ihre Fassung zurück. “Tut mir echt leid, was du in Genf erlebt hast. Aber weißt du was? Du kannst so viele Weißwürste essen, wie du willst, doch sag es bitte keinem, okay? EINE sprechende Kohlsprosse reicht mir nämlich vollkommen für heute.“

Jojo Kohlsprosse eskaliert

Das war mein Startschuss. In der nächsten Sekunde kletterte, nein ich sprang sogar, auf den nächstgelegenen Tisch und zeigte auf einen der Töpfe, aus dem meine Weißwurst herausgefischt werden soll. Vegan, traditionell, das war mir egal. Ich hatte Hunger.

Jörg nahm bereits ein Messer in die Hand, um die Wurst für mich zu zuzeln. Doch das konnte er sich sparen. Denn überrascht stellten wir fest, dass die Wurst keine Haut hat. “Das ist keine herkömmliche Weißwurst”, bemerkte er und blickte die Frau fragend an.

Sie überhörte die Frage. Wahrscheinlich war es ihr völlig egal, denn sie wollte einfach nur Notizen machen, wie uns die Wurst schmeckt. Deshalb nahm ich meine Verantwortung als Versuchsperson entsprechend ernst und kaute bedeutungsvoll auf meinem Testobjekt.

“Sie schmeckt auf jeden Fall mehr nach Wurst als nach Erbsen,” war mein erster Geschmackseindruck. “Aber ist sie auch gesünder?”

Vegane oder Münchner Weißwurst: Was ist gesünder?

Die vegane Weißwurst in unserem Test hatte keine Haut. Okay. Laut Hersteller ist es praktischer und macht das nervige Zuzeln überflüssig. Aber Jojos Frage steht weiter im Raum. Was ist drin in der Erbsen-Weißwurst und mit welchen Nährwerten kann sie punkten?

Ausflug in die Werbung von pflanzlichen Produkten

Der Kraftsportler “Wolverine” Patrik Baboumian schwört auf vegane Produkte und macht für den Hersteller der von uns getesteten Weißwurst regelmäßig Reklame. Muss es sich dann nicht um ein gesundes Produkt handeln, das auch für ganz harte Kerle geeignet ist? Schließlich war Baboumian 2011 “stärkster Mann Deutschlands”.

Die dahinterstehende Botschaft des prominenten Bodybuilders: Vegane Alternativen können mühelos als Fleischersatz mithalten, machen eine pflanzliche Ernährungsumstellung leichter und sind auch für die Muskeln gut. “Joa mei, jetzt mach I a scho’ Werbung.” Doch ich bin nicht allein. Auch die Münchner Gastronomie ist von der veganen Fleischspezialität angetan.

Selbst traditionelle Wirtshäuser wie das „Herr’schafts’zeiten“, in dem die Münchner Schickeria ein und ausgeht, wagen den Schritt. Das bei Touristen und Einheimischen gleichermaßen beliebte Wirtshaus hat vegane Weißwürste seit Juli auf der Speisekarte. Und auch das Hofbräuhaus bietet mittlerweile Fleischalternativen auf pflanzlicher Basis an.

Schauen wir uns jetzt aber die inneren Werte der pflanzlichen Weißwurst an. Laut einem Artikel in der SZ vom 26. Juli 2022 hat das besagte Veggie-Produkt unseres Tests:

  • 76 % weniger Fett und
  • 62 Prozent weniger Kalorien

als eine herkömmliche Weißwurst. Wenn du abnehmen willst, ist das nicht schlecht.

Einziger Nachteil: Mit neun Gramm Eiweiß auf 100 Gramm enthält die vegane Weißwurst etwa 28 % weniger Protein als eine Münchner Weißwurst, die traditionell aus den Hauptzutaten Kalbfleisch und Schweinespeck besteht.

Hier zum Vergleich die Durchschnittswerte einer Münchner Weißwurst (pro 100g):

  • 12,4 Gramm Eiweiß
  • 28 Gramm Fett
  • Energie: 1.285 kJ/ 307 kcal

Im Gegensatz zur Weißwurst mit Erbsenproteinen enthält die traditionelle Weißwurst die Vitamine B1 und B3. Auch bei den Mineralstoffen ist sie im Vorteil und punktet mit Natrium, Kalium, Phosphor, Kalzium und Magnesium weit vor der veganen Konkurrenz.

Werden vegane Fleischspezialitäten jetzt Mainstream?

Wie aber schlägt sich die vegane Weißwurst geschmacklich? Bei dieser Frage stehen sich zwei Lager in einem teilweise erbitterten Kampf unversöhnlich gegenüber, ohne gleichzeitig pragmatische Lösungen anzubieten. Das ist nicht hilfreich und seltsam, wenn man die Wahl hat.

Zum einen ist da die Opposition der Traditionalisten. Die bekannte bayrische Kabarettistin und Schauspielerin Monika Gruber kann getrost diesem Lager zugeschrieben werden, vor allem, wenn man ihre Meinung zur veganen Weißwurst nachliest.

In einer auflagenstarken Tageszeitung mit vier Buchstaben stellt sie auf humorvolle Art fest:

Vegane Weißwürste schmecken wie Montageschaum, der in ein Kondom abgefüllt wurde, mit einer leichten Kalk-Note im Abgang.“

Monika Gruber

Ein vernichtendes Urteil! Auch wenn der Vergleich mit dem Kondom hinkt, denn die meisten veganen Weißwürste haben, wie wir in unserem Wursttest gesehen haben, keine Haut. Doch woher kommt das vernichtende Urteil von Frau Gruber? Hat die oft verunglimpfte deutsche Fleischwirtschaft hier ihre Hände im Spiel? Wohl kaum, denn sie mischt kräftig mit.

Klar ist: Die deftige bayrischen Küche und das Oktoberfest sind ohne Hendl, Haxn und Weißwurst undenkbar. Und solange die veganen Alternativen geschmacklich spürbar vom Original entfernt sind, beißen wir genussvoll ins echte Fleisch rein. Bis dahin fällt es leicht, gegen die Newcomer zu wettern, obwohl es sich lediglich um ein zusätzliches Angebot handelt.

Ein Mann trinkt auf dem Oktoberfest eine Mass Bier
Pflanzliche Spezialitäten auf dem Oktoberfest so selbstverständlich wie eine Maß Bier? Bis dahin ist es noch ein langer Weg. (Bildquelle: Brett Sayles / Pexels)

Ärgern tut die Stimmungsmache gegen vegane Produkte auch politische Bewegungen wie die in München sehr aktive Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer, kurz V-Partei³. Wenn es nach ihnen geht, werden vegane Fleischspezialitäten nicht nur Mainstream.

Verdrängen vegane Produkte zukünftig die Fleischspezialitäten

In einem offenen Brief an den Münchner Oberbürgermeister fordert die Partei, ab dem Oktoberfest 2023 keine Schnitzel, Steaks und Würste mehr anzubieten. Geschickt appellieren die Unterzeichner des Briefs an die überregionale Strahlkraft eines solchen Richtungswechsels.

“(…) Sie sollten als Oberbürgermeister der Stadt München mutig und innovativ vorangehen, und beim Essen wie bereits beim Bier künftig auf pflanzliche Rohstoffe setzen.”

Offener Brief der V-Partei³ an den Münchener Oberbürgermeister

Solche Forderungen erzeugen zwar Aufmerksamkeit, zeigen aber auch, dass ein friedliches Miteinander zwischen Befürwortern und Kritikern in dieser Form nur schwer vorstellbar ist. Hilfreicher ist eine versöhnliche Art der Kommunikation von veganen und traditionellen Produkten.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Werbung eines großen Lebensmittelproduzenten aus Bad Zwischenahn. Das Unternehmen wurde 1834 in Rügenwalde als Fleischerei gegründet und stellt in seinen Werbekampagnen traditionelle Wurst und vegetarische Produkte gleichberechtigt nebeneinander. Kein “entweder-oder”, sondern ein “sowohl-als-auch”.

Rückfahrt von München nach Freiburg: Unser Weißwurst-Fazit

Bis vegetarische Produkte direkt neben den traditionellen Fleischspezialitäten im Kühlregal deines Supermarkts stehen ist es aber noch ein langer Weg. Auf den großen Volksfesten werden weiterhin tierische oder vegetarische Varianten verkauft werden. In den meisten Fällen allerdings nicht am selben Stand, sondern schön getrennt. Ist da jemand konfliktscheu?

Unser Weißwurst-Fazit lautet deshalb. Solange die vegane Weißwurst nicht gleichberechtigt neben seinem tierischen Original platziert wird, sondern separat als nette Alternative für dein ökologisches Gewissen, und solange sie geschmacklich nicht das gleiche bietet, wird sie weiterhin ein Nischendasein führen.

Der Trend nach vegetarischen und veganen Produkten ist dennoch ungebrochen. Deshalb haben wir uns auf der Rückfahrt nach Freiburg vorgenommen, im nächsten Jahr wieder zur Wiesn zu fahren, um neue vegane Spezialitäten zu testen, die dann geschmacklich hoffentlich noch besser sind. Bis dahin bleiben wir gespannt, ob sich die Newcomer weiter verbessern.

Euch wünschen wir an dieser Stelle viel Zuversicht. Bleibt stark, auch wenn Bio-Produkte derzeit große Löcher in unsere Portemonnaies fressen. Euer Jojo.

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Bildquelle: Rita / Pixabay

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