Nachhaltigkeit: Was kann ich tun?

Nachhaltigkeit

Die wichtigsten Fragen zum Thema Nachhaltigkeit und Ernährung

Nachhaltigkeit, dieses Wort springt mich mittlerweile an jeder Ecke an. Ob auf Werbeplakaten, in den Nachrichten, auf Produkten oder in Gesprächen mit Freunden, die jetzt nachhaltiger leben wollen – das Thema ist praktisch überall. Auch die Wirtschaft bezieht dazu eine eindeutige Position.

Ja wir haben verstanden, das Thema ist wichtig und wir überlassen die Deutungshoheit für das Wort Nachhaltigkeit nicht weiter NGOs, Presse, Politik, etc.

Frei erfundenes Zitat

Jojo sagte letztens, dass er es cool findet, dass ich darüber schreibe. Ich lachte mich schlapp, als er mich gestern vor dem Frühstücken mit „Hallo, Eure Deutungshoheit, wie ist Euer heutiges Befinden?“ grüßte. „Nachhaltig, prima!“, war meine etwas genervte Antwort.

Nachhaltigkeit ist aus meiner Sicht zu Unrecht zu einem politischen und ökonomischen Modewort geworden und gilt vielfach als „übernutzt“. Wenn du fünf Freunde oder Bekannte fragst, was ihnen dazu einfällt, stehen die Chancen nicht schlecht, dass du fünf völlig unterschiedliche Antworten erhältst.

Das wichtigste in Kürze

Für alle, die nicht den kompletten Post bis zum Ende durchlesen wollen: Die Knackpunkte vorab für Euch zusammengefasst, um das Thema Nachhaltigkeit etwas greifbarer zu machen:

  • Knappe Ressourcen: Die Kosten für Lebensmittel steigen durch eine nachhaltige Produktion
  • Fehlende Orientierung: Nachhaltige Produkte sind nicht immer eindeutig gekennzeichnet
  • Globale Sicht: Es fehlen allgemeine Standards für importierte, nachhaltig erzeugte Lebensmittel
  • Nachhaltigkeit im Alltag: Wie nachhaltiges Leben die Kosten für Lebensmittel reduziert
  • Wirtschaftswachstum: Warum der Kalorienbedarf in den nächsten Jahrzehnten weiter steigen wird

Hintergründe: Was ist Nachhaltigkeit?

Jojo und ich haben bei einer albernen Rote-Linsen-Gemüse-Party die wichtigsten Fragen zum Thema Nachhaltigkeit zusammengefasst. Dazu ziehen wir völlig unalberne wissenschaftliche Ergebnisse und Expertenmeinungen heran. Gerne sende ich euch die Quellen zu, wenn ihr wollt.

Welche Dimensionen hat Nachhaltigkeit?

Der Begriff Nachhaltigkeit wurde erstmals in deutscher Sprache in einer forstwirtschaftlichen Schrift aus dem Jahre 1713 erwähnt. Zu dieser Zeit fand die großflächige Entwaldung des Erzgebirges in Sachsen statt, da Holz zu dieser Zeit nicht nur intensiv als Baustoff, sondern auch zur Energiegewinnung bei der Erzverhüttung verwendet wurde.

In dieser schriftlichen Aufzeichnung stellt der Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz fest, dass der immense Holzbedarf in der Zukunft nicht mehr bedient werden kann. Es bedarf deshalb einer „nachhaltenden Forstwirtschaft“, so seine Worte, „nach der in einem bestimmten Zeitraum nur so viel Bäume geschlagen werden durften, wie in der gleichen Zeit nachwachsen können“.

Im Jahre 1972 veröffentliche das Massachusetts Institute of Technology eine Arbeit mit dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“, die eine weltweite gesellschaftliche Debatte anstieß. Die Kernthese war, dass das individuelle lokale Handeln aller, globale Auswirkungen hat, die jedoch nicht dem Zeithorizont und Handlungsraum einer einzelnen Person entsprechen.

In den 1980er Jahren wurde immer offensichtlicher, dass unsere Ressourcen knapper werden und wir zu viel verbrauchen. Zeitgleich entstanden in Deutschland Bewegungen und politische Parteien, die den Umweltschutz zu ihrem Thema machten. Der Begriff Nachhaltigkeit erlebte in Folge dieser Entwicklungen eine regelrechte Renaissance, auch international.

Als Meilenstein in der Integration von Umwelt- und Entwicklungszielen gilt die Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro im Jahr 1992. Auf dieser Konferenz wurden unter dem Namen „Agenda 21“ Leitlinien zur nachhaltigen Entwicklung gesetzt, die sich in die nachfolgenden Abschnitte untergliedern:

  • Soziale und wirtschaftliche Dimension
  • Erhaltung und Bewirtschaftung der Ressourcen für die Entwicklung
  • Stärkung der Rolle wichtiger Gruppen
  • Möglichkeiten der Umsetzung

Es gibt vor diesem Hintergrund zahlreiche Modelle, um Nachhaltigkeitsprinzipien darzustellen und Ansätze, um nachhaltige Entwicklung zu messen, aber auch Strategien, die zu einer nachhaltigen Entwicklung führen. Anhand von konkreten Beispielen wird Jojo versuchen, diese Dimensionen mit greifbaren Praxisbeispielen für euch verständlicher zu machen.

Warum ist Nachhaltigkeit wichtig?

Bei dieser Frage kann ich persönliche Beispiele anführen, warum ich Nachhaltigkeit wichtig finde. Die Antworten zu verallgemeinern und zu sagen „Nachhaltigkeit ist wichtig, weil …“ ist mir zu plakativ. Jede*r soll für sich selbst entscheiden, warum das Thema eine Rolle in seinem oder ihrem Leben spielen soll.

Generationengerechtigkeit ist ein wichtiger Grund für mich. Ich profitiere von den Leistungen früherer Generationen und behaupte in einer Zeit zu leben, in der es den Menschen in Deutschland nie besser ging. Ich profitiere insbesondere von dem wirtschaftlichen Wachstum, das Deutschland in den letzten 60 Jahren erlebte, sehe aber auch keine Garantie, dass es so weitergeht.

Foto mit zwei Frauen, die lachend in der Sonne auf einem Holz-Zaun sitzen
Nachhaltigkeit bietet die Chance, dass wir verantwortungsvoll und zuversichtlich in die Zukunft schauen können. (Bildquelle: Quokkabottles / Unsplash)

Denn eines ist klar – die Grenzen des Wachstums sind in Deutschland erreicht. Wirtschaftliches Wachstum folgte seit der Jahrtausendwende stets wirtschaftlichen Schocks und flaute anschließend nachweislich ab. Ein Nullsummenspiel. Das wird nach der Pandemie nicht anders sein.

Deshalb glaube ich, dass wir Wachstum neu denken müssen. Eine zivilisierte, westliche Gesellschaft sollte verantwortungsvoll auf nachhaltigem Niveau wachsen, damit zukünftige Generationen die gleichen Chancen haben. Chancen, die ich hatte. Ich will deshalb ein Stück weit weg vom „immer mehr, immer schneller, immer weiter“.

Nachhaltigkeit ist für mich wichtig, weil es auch Chancen eröffnet. Ich habe nichts gegen Konsum. Ich mag Konsum! Aber ich möchte auch in dreißig Jahren noch bezahlbare Produkte kaufen können. Das funktioniert aus meiner Sicht genau dann, wenn eine Nachfrage für nachhaltige Waren und Dienstleistungen besteht. Mehr dazu erfahrt ihr in „Wie kann Nachhaltigkeit funktionieren?“

Wie kann Nachhaltigkeit funktionieren?

Nachhaltigkeit kann funktionieren, wenn wir uns genug Zeit dafür geben, denn sie erfordert nicht nur eine effektivere Nutzung von Ressourcen, sondern auch ein Umdenken von uns selbst, das zum Ziel hat, dass wir liebgewonnene Gewohnheiten verändern.

Wie schwer das ist, merke ich an meiner Umstellung auf eine pflanzliche Ernährung. Ich muss mir aber noch weitere Fragen stellen. Beispielsweise, welche Fortbewegungsmittel will ich zukünftig nutzen und woraus soll die Energie erzeugt worden sein, die ich verbrauche?

Das alles erfordert Rahmenbedingungen, die es mir ermöglichen zu erkennen, welche Produkte beziehungsweise welche Ressourcen tatsächlich nachhaltig erzeugt wurden. Dazu müsste es zunächst verlässliche Standards geben, die nicht bei Bio-Siegeln und Fairtrade-Stickern aufhören. Dieser Punkt erfordert eine globale Sicht. Ich will das am Beispiel der EU erläutern.

Die europäischen Standards hinsichtlich Nachhaltigkeit sind hoch, Aufforstungsprogramme zur Erhöhung der Waldfläche laufen und der Einsatz von Pestiziden sowie gentechnisch veränderten Pflanzen ist restriktiv geregelt. Das ist gut so, aber Europa ist keine grüne Insel, die sich selbst versorgt. Auf vielfältige Weise betreiben wir Handel mit Nicht-EU-Ländern.

Die Importe pflanzlicher und tierischer Produkte werden weiter steigen. Die Umweltforscher Richard Fuchs, Calum Brown und Mark Rounsevell vom Karlsruher Institut für Technologie fordern deshalb, dass die hohen europäischen Standards hinsichtlich Nachhaltigkeit auch für Importe gelten müssen.

Dazu brauchen wir spezielle Zollkontrollen, die sicherstellen, dass zertifizierte Produkte unsere Grenzen passieren, die die EU-Kriterien erfüllen. Darüber hinaus müssten EU-Ökobilanzen nicht nur die Emissionen des europäischen Wirtschaftsraums berücksichtigen, sondern auch importierte Emissionen von nicht EU-Ländern.

Es ist klar, dass nicht alle importierten Waren die dann gesetzten Standards erfüllen und es ist fraglich, ob breit angelegte Strafzölle überhaupt durchsetzbar sind, wenn die Standards nicht erfüllt sind. Aber es wäre ein erster Schritt mit Signalwirkung.

Auch müssten die Folgen einer solchen Wirtschaftspolitik berücksichtigt werden, denn zertifizierte Waren und Dienstleistungen würden erheblich teuer sein als konventionell erzeugte Produkte. Das bringt mich zum wohl wichtigsten Punkt. Die Kosten der Nachhaltigkeit.

Nachhaltigkeit kann nur dann funktionieren, wenn wir alle die Kosten für nachhaltige Produkte tragen können. Das wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht der Fall sein, weil die Einkommensunterschiede zu hoch sind. Doch hier die gute Nachricht. In der Übergangsphase zu nachhaltigen Produktionsprozessen werden die Kosten für Lebensmittel zwar steigen, mit zunehmender Ausbringungsmenge durch Größeneffekte langfristig wieder sinken.

Die Kosten für nachhaltige Lebensmittel könnten zunächst über Steuern umverteilt werden, doch hält das unsere Gesellschaft aus? Vielleicht. Aber verstehen wir wirklich, dass es keinen Plan B gibt und dass alle einen Beitrag dafür leisten müssen, damit Nachhaltigkeit funktioniert?

Ich bin überzeugt, die meisten haben das verstanden und vielleicht ist das auch der Grund, warum du hier bist, und nach Informationen suchst, wie eine nachhaltige Ernährung aussehen kann. Jojo und ich sind auf jeden Fall froh, dass du dich informierst.

Wie sieht Nachhaltigkeit im Alltag aus?

Nachhaltigkeit zeigt sich im Alltag in meinem Umgang mit Lebensmitteln, Brennstoffen und Energiequellen. Im Grunde lässt es sich mit dem altbackenen Begriff des „Wirtschaftens“ beschreiben. Ich wirtschafte dann nachhaltig, wenn ich genau das einsetzte, was ich brauche und dabei möglichst wenig verschwende.

Es ist im Grunde ein ökonomisches Prinzip, das ich anwende. Zwar sind nachhaltige Produkte wie erwähnt teurer, dafür spare ich aber auch Kosten, weil ich die Ressourcen effizienter nutze. Bei verderblichen Konsumgütern wie Nahrungsmitteln wird dieses Prinzip mit dem schmissigen Begriff Zero Waste beschrieben. Darüber erfahrt ihr mehr im Blog.

Foto mit gefüllten Vorratsgläsern und frischem Gemüse
Mit Vorratsgläsern behältst du den Überblick. Damit hältst du deine Lebensmittel lange frisch und knackig. (Bildquelle: Jasmin Sessler / Unsplash)

Nachhaltige Ernährung im Alltag sieht bei mir so aus, dass ich möglichst saisonales, heimisches Gemüse einkaufe, also pflanzliche Produkte aus Deutschland oder angrenzenden EU-Ländern. Dazu gehört eine entsprechende Einkaufsplanung mit den richtigen Mengen. Ernährungspläne für jede Saison stehen bald auf dem Blog zum Download bereit.

Doch woher ich weiß, ob es sich um regionales Gemüse handelt und was die ganzen Herkunfts- und Biosiegel auf den Verpackungen bedeuten? Auch darüber findet ihr Artikel im Blog. Wie Ihr online in der Biokiste nachhaltige Produkte bestellen könnt, wird auch ein Thema sein, denn nicht immer ist die Zeit, um zum Wochenmarkt oder zum Gemüsebauern zu gehen.

Was bringt mir Nachhaltigkeit?

Wenn es in naher Zukunft zu Lieferengpässen oder zu sprunghaften Preisanstiegen kommt, weil die erforderlichen Materialien oder Rohstoffe fehlen, muss ich mir die Frage stellen, ob eine nachhaltige Produktion, die auf eine entsprechende Nachfrage trifft, nicht die beste Lösung ist.

Vor diesem Hintergrund bringt mir Nachhaltigkeit eine Menge. Nur so kann langfristig die weltweite Versorgung mit Nahrung, Waren und Dienstleistungen sichergestellt werden. Von dieser Versorgungsleistung ziehe ich selbst auch Vorteile. Aber was gilt für die weltweite Ernährungsindustrie? Die Göttinger Forscher Lutz Depenbusch und Stephan Klasen berechneten vor diesem Hintergrund den zukünftigen, globalen Kalorienbedarf.

Dabei wurden die Anzahl der Menschen, die Körpergröße und der BMI berücksichtigt. Ein wichtiger Punkt in der Studie war, dass der BMI in den Schwellenländern ansteigen wird und die dort fehlenden Nahrungsmittel durch günstige Industrieerzeugnisse ersetzt werden müssen. Am Beispiel der Niederlande wurde auch berücksichtigt, dass die Menschen im 20. Jahrhundert wegen der besseren gesundheitlichen Versorgung immer größer geworden sind.

Wenn wir uns nachhaltig ernähren und dabei die nachhaltige Entwicklung der Schwellenländer nicht aus den Augen verlieren, dann verlagern wir die negativen Effekte der intensiven Landwirtschaft nicht auf andere Kontinente oder zukünftige Generationen. Wir dämmen damit gleichzeitig die Klima-Belastungen ein. Dazu müssen wir weniger Nahrung exportieren, den Binnenkonsum steigern und durch neue Anreize bereit dazu sein, fairer zu handeln beziehungsweise mehr für importierte Waren zu bezahlen.

Bringt dir Nachhaltigkeit also unmittelbar etwas und geht es dir besser durch Nachhaltigkeit? Um ehrlich zu sein, das weiß ich nicht. Ich weiß nicht, ob du Kinder hast, denen es genauso gut gehen soll wie dir. Ich weiß auch nicht, ob deine Wertschätzung für nachhaltige Produkte und dein Nachhaltigkeits-Budget zusammenpassen sollen oder können.

Das Einzige, was ich weiß ist, dass die Weltbevölkerung wächst und dass wir zukünftig, stetig weiterwachsend, mehr Energie verbrauchen werden. Und ich weiß, dass, wenn du die letzten beiden Fragen mit „Ja“ beantworten konntest, du hier goldrichtig bist.

Fazit

Das hier ist wahrscheinliche der wichtigste Artikel, den Jojo und ich in diesem Blog veröffentlichen. Er soll eine Entscheidungshilfe für alle sein, die noch nicht wissen, ob sie dazu bereit sind, Wert auf gesunde Ernährung zu legen, wenn diese etwas mehr kostet.

Neben der Verfügbarkeit und Kennzeichnung nachhaltiger Nahrung behalten wir die Erschwinglichkeit deshalb stets im Hinterkopf, wenn wir dir im Blog Tipps geben, wie gesunde Ernährung auf deinem Tisch landet, die gleichzeitig lecker und nachhaltig ist.

Gleichzeitig ist dieser Magazinartikel vermutlich der hintergründigste, den du bei Jojo Kohlsprosse lesen wirst. Essen und Trinken sollen Spaß und Freude bereiten und das wollen wir in einzelnen Blogartikeln entsprechend feiern.

Bildquelle: Mark Dalton / Pexels